Wenn der Boden das Wasser abweist: Warum Regen nach der Dürre nicht versickert

Endlich Regen nach Wochen der Trockenheit, und trotzdem bleibt der Rasen braun. Wer nach einem kräftigen Schauer mit dem Finger in den Boden geht, erlebt häufig eine Überraschung: Die obersten Millimeter sind feucht, darunter ist alles staubtrocken. Das Wasser ist nicht versickert, sondern oberflächlich abgelaufen oder verdunstet.

Das ist kein Zufall und kein Pech, sondern ein bodenkundlich gut beschriebenes Phänomen: Benetzungshemmung, auch Hydrophobie genannt. Ausgetrocknete Böden können buchstäblich verlernen, Wasser aufzunehmen. Und das erklärt, warum manche Rasenflächen auch nach dem Ende einer Dürre einfach nicht wieder in Gang kommen.

Was im Boden passiert

Die Ursache liegt in der organischen Substanz. Wenn Pflanzenreste, Wurzeln und Rasenfilz sich zersetzen, entstehen dabei auch Fette und Wachse. Solange der Boden feucht ist, sind diese Stoffe unauffällig gebunden. Fällt der Wassergehalt aber über längere Zeit unter einen kritischen Wert, werden sie mobil und legen sich als hauchdünner, wachsartiger Film um die einzelnen Bodenteilchen.

Das Ergebnis ist ein Boden, dessen Körner einzeln versiegelt sind. Auftreffendes Wasser kann die Oberfläche nicht mehr benetzen, es perlt ab wie auf einer frisch imprägnierten Jacke. Statt einzusickern, läuft der Regen seitlich weg, sammelt sich in Senken oder verdunstet, bevor er die Wurzeln erreicht.

Besonders anfällig sind sandige Böden. Ihre Körner haben eine vergleichsweise kleine Oberfläche, sodass schon geringe Mengen der wachsartigen Stoffe ausreichen, um sie komplett zu überziehen. Dazu trocknen leichte Böden ohnehin schneller aus. Wer auf Sandboden gärtnert, kennt den Effekt vermutlich, ohne den Namen zu kennen.

Im Greenkeeping hat das Phänomen einen eigenen Namen: Dry Patch. Auf Golfgrüns sind es die scharf abgegrenzten trockenen Flecken, die sich auch mit intensiver Beregnung nicht mehr durchfeuchten lassen, während der Boden direkt daneben Wasser problemlos aufnimmt. Der Mechanismus ist derselbe wie im Hausgarten, nur fällt er dort früher auf, weil täglich hingeschaut wird.

Der Test mit einem Wassertropfen

Ob dein Boden betroffen ist, lässt sich in einer Minute prüfen. Steche an einer trockenen, schlecht aussehenden Stelle ein kleines Bodenprofil aus, ein Erdkegel aus dem Aerifizierer oder ein Spatenstich reichen. Gib dann einen Wassertropfen auf die trockene Erde.

Der Wassertropfen-Test: Auf gesundem Boden zieht der Tropfen in Sekunden ein, auf hydrophobem Boden bleibt er als Perle stehen

Auf gesundem Boden zieht der Tropfen innerhalb weniger Sekunden ein. Auf hydrophobem Boden bleibt er als Perle liegen, teils minutenlang. Je länger der Tropfen steht, desto stärker ist die Benetzungshemmung. Interessant ist oft der Vergleich in der Tiefe: Häufig ist nur eine Schicht von wenigen Zentimetern betroffen, meist im Bereich des Wurzelfilzes, während der Boden darunter und darüber normal reagiert. Genau diese Schicht sperrt das Wasser aus.

Warum Wässern allein nicht hilft

Der naheliegende Reflex ist mehr Wasser. Doch genau das funktioniert bei einem benetzungsgehemmten Boden nicht: Auch große Wassermengen laufen an der versiegelten Schicht ab oder suchen sich einzelne Risse, durch die sie ungenutzt in die Tiefe rauschen, während der Wurzelraum daneben trocken bleibt. Der Boden wird erst dann wieder normal aufnahmefähig, wenn die Wachsschicht durchbrochen und der Boden über längere Zeit wieder durchfeuchtet ist. Das Problem: Ohne Hilfe kommt das Wasser gar nicht erst so weit.

Es ist ein Teufelskreis. Der Boden ist trocken, weil er kein Wasser aufnimmt, und er nimmt kein Wasser auf, weil er trocken ist.

Der Teufelskreis der Benetzungshemmung: Boden trocknet aus, Wachse ummanteln die Bodenteilchen, Regen perlt ab, Boden bleibt trocken. Aerifizieren und Sanden durchbrechen den Kreis

Die mechanische Lösung: den Boden öffnen

Den Kreis durchbricht man nicht mit mehr Wasser, sondern mit Löchern. Beim Aerifizieren stechen die Spoons Erdkegel aus der Fläche und schaffen damit Kanäle, die durch die hydrophobe Schicht hindurchreichen. Der Regen muss die versiegelte Oberfläche nicht mehr überwinden, er fällt direkt in den Wurzelraum. Von dort aus durchfeuchtet sich der Boden allmählich von innen, und mit steigendem Wassergehalt verliert die Wachsschicht ihre Wirkung.

Bodenprofil im Querschnitt: wasserabweisende Schicht lässt Regen abperlen, Sandkanal nach dem Aerifizieren leitet Wasser in den Wurzelraum

Damit die Kanäle nicht beim nächsten Regen wieder zuschlämmen, werden sie mit gewaschenem Quarzsand verfüllt, ein Rasenrakel verteilt ihn gleichmäßig über die Fläche und zieht ihn in die Löcher. Sand ist rein mineralisch: Er enthält keine zersetzende organische Substanz, die neue Wachse nachliefern könnte. Die Sandkanäle bleiben deshalb über Jahre offene Eintrittspforten für Wasser.

Ein zweiter Hebel ist der Rasenfilz selbst. Die verfilzte Schicht aus abgestorbenem Material ist das Nachschublager für die wasserabweisenden Stoffe. Wer den Filz regelmäßig entfernt und die Fläche sandet, entzieht der Benetzungshemmung langfristig die Grundlage.

Der richtige Zeitpunkt: bevor der Winterregen fällt

Nach einem Dürresommer ist das Zeitfenster im Frühherbst besonders wertvoll. Von September bis in den Winter fallen in der Regel die zuverlässigsten Niederschläge des Jahres. Ein geöffneter Boden nimmt diese Monate mit und geht durchfeuchtet und regeneriert ins Frühjahr. Ein versiegelter Boden lässt denselben Regen oberflächlich ablaufen und startet trocken in die nächste Saison, als hätte es den Winter nie gegeben.

Wer im Herbst ohnehin aerifiziert, sandet und nachsät, löst das Hydrophobie-Problem also nebenbei mit. Und wer bisher keinen Grund dafür sah: Der Wassertropfen-Test liefert ihn in einer Minute.